Nach 81 Minuten wähnte sich der Favorit im Halbfinale. Fetsch hatte eben einen Hefele-Schuss unhaltbar abgefälscht und Dynamo in Führung gebracht. Doch wie schon in den letzen beiden Jahren wuchs der FCO im Pokal über sich hinaus und konnte in einer turbulenten Schlussphase dem Drittligisten noch die Butter vom Brot nehmen. Es sollte ein spannendes Pokalspiel werden, das schon vor dem Anpfiff einen emotionalen Höhepunkt bot. Dresdens Fanvertreter dankten Neugersdorfs Innenverteidiger Süß für seinen 17-jährigen Einsatz im Dynamodreß. Man mochte in der Anfangsphase seinen Augen gar nicht trauen, denn ehe der Drittligist überhaupt ein Bein aufs Feld bekam, waren die selbstbewusst startenden Neugersdorfer der Führung zweimal ganz nahe. Šisler verzog freistehend volley aus zwölf Metern (5.), nachdem sich Dittrich, der zusammen mit Kunze auf der rechten Seite ein starkes Duo bildete, Tekerci und Vrzogic stehenließ. Huth zwang Wiegers zu einer guten Parade (6.). Erst jetzt schienen die Dynamos das Spiel anzunehmen und setzten selbst Akzente. Tekerci scheiterte aber erst an Penc (9.) und dann am gut reagierenden Flückiger (12.). Dynamo bekam das Spiel nun besser in den Griff, doch richtige Möglichkeiten konnten sich die Elbestädter nur spärlich erspielen. Ein Fehlabspiel Nezmars ermöglichten Eilers und Tkerci eine Doppelchance, doch Flückiger und Huth entschärfen die Situation gemeinsam (21.). Der bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechslung beste Dresdner, Tekerci, konnte mit einer Drehung zwar Penc, aber den wiederum hervorragend haltenden Flückiger nicht überlisten (28.). Doch Dynamo durfte sich selbst nie sicher fühlen, weil die Neugersdorfer an diesem Tage gegenüber den letzten Punktspielen eine deutliche Leistungssteigerung zeigten. Huth zwang Wiegers zu einer Glanztat (29.), am abprallenden Ball schlitterte Šisler vorbei. Auch hier war das 1:0 drin. Ein Klassenunterschied, gar ein zweifacher, war in einer rasanten ersten Hälfte nie zu spüren. Im Gegenteil, verglichen mit dem müden Kick in Markranstädt am vergangenen Wochenende war das Spiel äußerst kurzweilig, wog hin und her mit guten Möglichkeiten auf beiden Seiten.
Die zweite Halbzeit konnte zunächst nicht an die spannende erste anknüpfen. Dresden hatte zwar nun ein optisches Übergewicht, der FCO ließ sich jedoch nicht überraschen, stand kompakt, wartete auf Fehler des Gegners und eigene Kontergelegenheiten. Erst nach einer Viertelstunde geriet ein Tor in den Brennpunkt, das der Gastgeber. Dabei erwies sich Flückiger als starker Rückhalt, klärte vor Fetsch (60.), reagierte glänzend gegen Dürholtz (62.) und kam Tekerci gedankenschnell zuvor (66.). Die Ballverluste in der Vorwärtsbewegung häuften sich nun beim FCO, Dynamos Druck wurde allmählich stärker, doch ernsthaft geriet das Tor der Gastgeber lange Zeit nicht in Gefahr. Erst neun Minuten vor Schluss tauchten die Dresdner wieder ernsthaft vor Flückiger auf, ein Standard musste her und läutete die turbulente Schlußphase ein. Fetsch nutzte eine Unachtsamkeit zur Führung, die schon vorentscheidenden Charakter zu haben schien. Was danach folgte, ist wohl nur in Pokalspielen möglich. Denn nun überschlugen sich die Ereignisse. Die Niederlage vor Augen, aber nicht akzeptierend, spielte plötzlich nur noch der Oberligist. Kunze fand sich mit Dittrich zum Doppelpass, seine Eingabe gelangte zu Šisler, der Wiegers zu eine starken Parade zwang (87.). Beim nächsten Neugersdorfer Angriff musste Wiegers erneut gegen Šisler retten, klärte zur Ecke (88.). Doch die hatte Folgen. Berg, mit dessen Einwechslung die Dresdener Abwehr offensichtlich gar nichts anzufangen wusste, köpfte Šislers Ecke vors Tor, wo Nezmar stand und mit sehenswerten Seitfallzieher den Ausgleich herstellte. Neugersdorf schien für seinen Kampfgeist mit der Verlängerung belohnt zu werden. Fünf Minuten Nachspielzeit zeigte der vierte Unparteiische an, was vor allem daran lag, daß sich Tekerci nach einem Luftkampf mit Nezmar so schwer verletzte, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte – gute und schnelle Besserung! Von der Ausgleichseuphorie getragen und vom Publikum nach vorn gepeitscht („Einer geht noch rein“) trat Šisler nochmals zum Freistoß an. Berg, von wem auch immer am Torraum allein gelassen, konnte sich aus sechs Metern die Ecke aussuchen und sorgte so für die Entscheidung. Der Rest ging im Jubel unter, auch die unnötige Gelbe Karte, die sich Penc mit einem Foul an Erdmann im gegnerischen Strafraum eingehandelt hatte. Es war seine zweite im Sachenpokal. Das dritte „Spiel des Jahres“ (nach dem Pokalhalbfinale gegen RB in der letzten Saison und der anschließenden unglücklichen Finalniederlage gegen Chemnitz) zeigte das große Potential, das in dieser Mannschaft steckt. Natürlich sind solche Fußball-„Feiertage“ etwas anderes als der Liga-Alltag. Aber, verglichen mit den letzten Oberligaspielen war dieser Auftritt eine völlig andere Dimension. Was am Sonntag geboten wurde, es unterschied sich grundsätzlich vom eher dünnen Auftritt in Markranstädt, hatte nichts gemein mit den unnötigen Niederlagen in Erfurt und Halle. Die Mannschaft kann offensichtlich viel mehr, als sie in den letzten Punktspielen gezeigt hat, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Hoffentlich kann sie das in den letzten drei Runden untermauern.
Jens Kölz/Erich Scherbarth |
Tore: 0:1 Fetsch (81.), 1:1 Nezmar (88.), 2:1 Berg (90+1)
FC Oberlausitz Neugersdorf
Flückiger - Kunze, Penc , Süß (76. Marrack), Merkel - Petrick - Dittrich, Heineccius (71. Berg), Šisler, Huth - Nezmar
SG Dynamo Dresden
Wiegers - Kreuzer, Erdmann , Hefele, Vrzogic (67. Zeldenrust)- Moll (58. Hartmann), Müller - Eilers, Dürholtz, Tekerci (80. Comvalius) - Fetsch
Zuschauer: 3.655 SR: Lutz Rosenkranz (Plauen) SRA: Stephan Markowitz, Benjamin Seidl - Torsten Junghof |